Kaugummi: Heißhunger-Helfer oder Darm-Killer?

Schade. Es hätte so ein schöner Trick sein können. Es ist doch echt zum Heulen, dass bei so Vielem, was das Leben beim Essen leichter macht, ein dickes “Aber” hinterher kommt. Mein “Aber” führt mich in Sachen Kaugummi erst in eine Petrischale, dann in den Supermarkt, durch eine genervte Ratlosigkeit hin zu einer teil-informierten Teil-Gelassenheit. Willst du es etwas kürzer haben und schon in 5 Minuten wissen, ob Kaugummi dein legitimer Heißhunger-Trick oder sogar ein Genusssmittel bleiben kann? Bitte sehr…

 

Heißhunger austricksen mit Kaugummi – die Idee

Wenn ich auf etwas gedanklich „rumkaue“, komme ich oft besser voran, wenn ich kaue. Kennst du auch diesen Impuls, dir mal eben ein Brot zu schmieren? Oder dir irgendetwas zu Essen mit an den PC zu nehmen? Oder als Steigerung: du stehst echt unter Strom, hast so richtig Stress und bist auf den Weg zum Süßigkeitenschrank. Und weil du dir in einem ruhigen Moment schonmal überlegt hast, was dich jetzt vom Impuls-Essen abhalten könnte, greifst du zum Kaugummi. Schließlich geht es ja beim Denken oder beim Stress nicht wirklich darum, Kalorien und Nährstoffe zu mir zu nehmen. Der Kiefer braucht was zu mahlen.

Ich kenne einige Leute, denen Kaugummi hilft, aufkommenden Heißhunger in Schach zu halten. Na klar wissen wir alle, dass es meistens das Problem nicht wirklich an der Wurzel löst. Aber als Zwischenlösung fand ich es bisher okay.

Studien, die angeblich belegen, dass Kaugummi die Gehirnleistung verbessert oder beim Abnehmen helfen, gelten mittlerweile als widerlegt (dazu gibt es einen schönen Artikel (1)). Aber immerhin soll es gut sein für die Zähne. Wo liegt also das Problem?

Mein Anspruch: seriöse Ernährungsinfos für dich herausfiltern

Ich habe ja als Ernährungswissenschaftlerin und –beraterin den Anspruch, dich mit seriösen Infos zu guten Lebensmitteln zu versorgen. Und dich darin zu unterstützen, aufmerksam und trotzdem entspannt einzukaufen und zu essen.

Allein das kommt mir manchmal schier unmöglich vor. Es gibt einfach zu viele Infos, die ich selber auch nicht sicher einordnen kann. Bei industrie- oder interessengespeisten Webseiten bin ich erstmal skeptisch, wenn da wieder eine Ernährungs-Sau durchs Dorf getrieben wird und aus Studien einzelne Sätze (meiner Meinung nach) unzulässig herausgepickt und zu Schlagzeilen verarbeitet werden. Und dann hat mich beim Kaugummi ausgerechnet eine Meldung in einem seriösen Newsletter so richtig in den Ekel gestürzt…..

Studie: Zusatzstoff im Kaugummi als Darmwand-Killer

Im aktuellen Newsletter der Verband für unabhängige Gesundheitsberatung (UGB) wird eine Studie zitiert, in der die Wirkung von Titandiaoxid auf die menschliche Darmwand untersucht wird. Die Studie lässt vermuten, dass ein regelmäßiger Kontakt die Aufnahme verschiedener Nährstoffe aus dem Darm hemmt und die Schutzfunktion der Darmwand zerstört. (Es lohnt sich, die Beschreibung der Studie mal genauer anzuschauen, weil beim Lesen klar wird, dass es zwar eine deutliche Vermutung über die Wirkung gibt, aber eben noch einiges weiter geforscht werden muss, siehe (2))

Beim Lesen dachte ich erst: Na prima, ich ess ja fast nichts mit Zusatzstoffen und mein Darm ist ziemlich robust.

Darmprobleme – ist Titandioxid ein Ursachen-Puzzlestein?

Aber weil in meiner Beratungspraxis viele Klientinnen und Klienten über Darmprobleme klagen, ohne dass man eine genaue Ursache nachweisen kann, hat mich dann doch interessiert, worin denn Titandioxid enthalten ist. Und siehe da: Titandioxid alias E171 wird an vielen Stellen eingesetzt, an denen ein strahlendes Weiß gewünscht wird. Nicht nur in Kosmetika, Zahncreme und Sonnenschutzmitteln, sondern auch in – du ahnst es wahrscheinlich – Kaugummis.

Keine schöne Vorstellung. Da steh ich jetzt mit meinem Anspruch, dich gut zu informieren und bin ein bißchen ratlos, was ich jetzt mit meinem Kaugummi-Tipp machen soll. Ist es wirklich ein Darmkiller oder ist es alles halb so wild?

Diese Fragen helfen dir bei der Kaugummi- Entscheidung

Was mir letztendlich zu einer Entscheidung geholfen hat, war, erstmal tief durchzuatmen und mir dann einige ganz handfeste Fragen zu stellen.

1. Welche verlässliche Aussage lässt sich mit Hilfe der Studie treffen?

Wie so oft bleiben beim Nachlesen einige Fragen offen. Auch wenn es erschreckend ist, dass in der Petrischale Darmzellen durch eine häufige, aber relativ niedrige Konzentration von Titandioxid geschädigt wurden, muss auf jeden Fall noch weiter geforscht werden. Man kann solche Laborergebnisse nicht mal eben 1:1 auf „lebende, komplette Menschen“ übertragen. Ich wünsche mir, dass genug interessenunabhängige Foschungsgelder bereitstehen, um da mehr in die Tiefe zu gehen.  Ob du daraus jetzt den Schluss ziehen solltest, genau nach Titandioxid zu schauen, hängt von der nächsten Frage ab.

2. Bei welchen Ernährungsgewohnheiten und körperlichen Voraussetzungen sollte man mit Titandioxid vorsichtig sein?

Wenn du als Standard dein Essen überwiegend selber zubereitest und deine Grundnahrungsmittel wie Brot, Fleisch (wenn du welches isst), Gemüse und Milchprodukte bei Handwerkern kaufst statt im Supermarkt, gehe ich mal davon aus, dass du damit eine gesunde Basis hast. Dann sind kleine Mengen von Zusatzstoffen, die du gelegentlich über „Luxus-Lebensmittel“ wie Kaugummi aufnímmst, wahrscheinlich nicht schädlich.

Andererseits sind das schon eine Menge „wenns“.

Je mehr verarbeitete Lebensmittel du isst, desto mehr Zusatzstoffe sind vermutlich dabei. Und ich finde die Skepsis gegenüber Stoffen, die nicht natürlicherweise in Lebensmitteln vorkommen, grundsätzlich berechtigt. Bei vielen Stoffen wissen wir einfach nicht genau genug über die Wirkungen. (ich habe dazu auch schonmal das Thema Süßstoffe unter die Lupe genommen, siehe 3)Ist Titandioxid ein Puzzlestein, der zur Erklärung der vielen Unverträglichkeiten beitragen kann. Wer Bauchprobleme hat, ist meiner Meinung nach gut beraten, das zu meiden, was leicht ist. Und wer keine bekommen möchte, auch. Das führt dich also zur nächsten Forschungs-Frage:

3. An welchen Stellen lässt sich E171 leicht ersetzen?

Mein nächster Supermarktbesuch dauerte mal wieder länger und ich hab mich wie schon oft geärgert, keine Lupe dabei zu haben. Die Schrift ist oft wirklich unverschämt klein und ich bin sicher, dass es nicht nur an meiner beginnenden Alters-Weitsichtigkeit liegt, dass ich vieles auf Zahncreme, Kaugummipackungen und anderen verarbeiteten Lebensmitteln gefunden habe.

Beim meinen Haupt-Verdächtigen Kaugummi und Zahncreme habe ich zum Glück Alternativen gefunden. Die “altmodischen” Kaugummis, die nicht dragiert sind, enthalten oft kein E171 und es gibt auch durchaus Zahncremes ohne. Kosmetika und Nahrungsergänzungsmittel habe ich nicht überprüft. Bei Kosmetika findest du Titandioxid übergens unter CI 77891.

Das kannst du schnell und einfach tun, um E171 zu vermeiden:

  • lies die Zutatenliste, titandioxid muss immer deklariert werden
  • Finger weg von allem, was weiß macht oder blendend weiß ist (obwohl es von Natur aus eine andere Farbe hat wie die Kaugummis in Streifen). Das sind auch andere Süßigkeiten, einige Backwaren oder gerüchteweise sogar Käsezubereitungen.
  • Bei allem, was einen Dragee-Überzug hat: nachschauen und ggf. nach Alternativen suchen. Bei Kaugummi ist das zum Glück ziemlich einfach.
  • bei anderen notwendigen Dingen, die du täglich zu dir nehmen musst (z.B. bei Medikamenten), bedeutet das ein wenig Forschung.

Mein Heißhunger-Trick ist also gerettet, aber…

Mir wird bei dieser ganzen Aktion einmal mehr klar, dass es immer schwieriger wird, mal eben so einkaufen zu gehen. Wer hat schon Zeit, bei jedem Supermarktbesuch die Lupe zu zücken! Ja, ich habe meine Zahnpasta und die dragierten Kaugummis weggeschmissen. Das war gar nicht so einfach. Ich schmeiße einfach ungern etwas weg, das noch genießbar ist (siehe 3.) .Und du hast es vielleicht ein bißchen einfacher, weil ich für dich geforscht habe. Das würde mich natürlich freuen ;).

Aber ganz ehrlich: entspannt essen ist gar nicht so einfach. Ich lande immer wieder bei dem Grundsatz, möglichst viel selber zuzubereiten und möglichst wenig zu essen, was meine Oma nicht kannte. Bei Impuls, aus emotionalen Gründen zu essen, frage ich immer öfter: Stopp, brauche ich das jetzt wirklich?

…und manchmal ist mir das mit dem “gesund” auch echt egal und ich verlasse mich darauf, dass Menschen auch robuste Wesen sind, die gut mi vermeintlich suboptimalen Bediungungen zurecht kommen.

Mich interessiert natürlich brennend, wie du mit dem Dilemma umgehst. Wie viel Aufwand treibst du um dein Essen? Gibt es Lebensmittel, von denen du weißt, dass sie dir (nicht) gut tun? Wo bist du genau und wo lässt du mal locker?

Hinterlass gerne deine Meinung und Erfahrung in den Kommentaren!

 

Hier kannst du nachlesen:

  1. http://www.badische-zeitung.de/gesundheit-ernaehrung/wer-kaugummi-kaut-regt-nicht-sein-gehirn-an-tut-aber-seinen-zaehnen-gutes–126389479.html
  2. www.sciencedaily.com/releases/2017/02/170217012450.htm
  3. 3 http://antjemueller.de/suessigkeiten-ausmisten/

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