Was viele über Adipositas falsch verstehen
„Warum kann ich nicht abnehmen? Ich habe schon tausend Diäten gemacht, aber immer wieder zugenommen. Was stimmt nicht mit mir?“ Diese verzweifelte Aussage höre ich in fast jeder Ernährungsberatung. Die Antwort: mit dir stimmt alles – du bist nicht faul oder unfähig. Du bist von der chronischen Erkrankung Adipositas betroffen.
Wie – dick sein ist eine Krankheit? Das ist sooo anders als alles, was wir – normale EsserInnen und medizinische Fachleute – seit Jahrzehnten gelernt haben, dass ich dir in diesem Artikel helfen möchte, das zu verstehen. Ich beleuchte,
- was Adipositas zu einer chronischen Erkrankung macht
- warum diese Erkrankung in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat
- was bei Menschen mit Adipositas im Gehirn und im Stoffwechsel anders funktioniert als „normal“ und
- welche Alltagsumstände es Menschen mit Adipositas besonders schwer machen, dauerhaft abzunehmen
Was macht Adipositas zu einer chronischen Erkrankung?
Lange Zeit galt Übergewicht vor allem als Folge von zu viel Essen und zu wenig Bewegung – also als ein reines Problem des Lebensstils. Erst nach und nach hat sich in der Medizin eine andere Sichtweise durchgesetzt.
Was bedeutet „chronische Erkrankung“?
Chronisch ist eine Krankheit, die über lange Zeit besteht oder dauerhaft bleibt. Außerdem entsteht sie meist durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren und sie lässt sich oft nicht vollständig heilen. Das passt wahrscheinlich gut zu deinen Erfahrungen, immer wieder zuzunehmen, oder?
Typische Beispiele für chronische Erkrankungen sind Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Allergien oder Rheuma. Auch sie entwickeln sich meist über viele Jahre und verlaufen oft in Phasen. Es gibt gute Zeiten und es gibt Schübe – aber die Grunderkrankung bleibt.
Früher wurden Erkrankungen als Schicksal angesehen, mit dem man einfach leben musste. Im Laufe der Zeit wurden aber für viele chronische Erkrankungen Behandlungsmöglichkeiten entwickelt.
Wie sich die Bewertung von Adipositas verändert hat
Auch bei Adipositas hat sich die medizinische Einschätzung in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert.
Ein wichtiger Schritt war 1997, als die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Adipositas offiziell als Erkrankung einordnete. In den folgenden Jahren übernahmen immer mehr medizinische Fachgesellschaften diese Sichtweise. Ein weiterer Meilenstein war 2013, als die American Medical Association Adipositas ebenfalls als Krankheit anerkannte.
In Deutschland wurde diese Einordnung erst deutlich später politisch aufgegriffen: 2020 erkannte der Deutsche Bundestag Adipositas offiziell als Krankheit an.
Diese Entwicklung zeigt, dass sich das Verständnis von Adipositas über viele Jahre hinweg verändert hat. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben dazu beigetragen, die Erkrankung nicht mehr nur als individuelles Verhaltensproblem zu betrachten, sondern als ein komplexes gesundheitliches Geschehen.
Warum die Einordnung von Adipositas als chronischer Erkrankung lange umstritten war
Ein Grund für die lange Diskussion ist die weit verbreitete Vorstellung, Körpergewicht sei ausschließlich eine Frage von Disziplin. Wenn Verhalten eine Rolle spielt, so die Annahme, könne es sich nicht um eine Krankheit handeln.
Tatsächlich trifft das aber auch auf viele andere Erkrankungen zu. Faktoren wie Ernährung, Bewegung oder Stress beeinflussen beispielsweise auch Diabetes Typ 2, Rheuma oder Bluthochdruck – trotzdem gelten sie eindeutig als Krankheiten.
Heute setzt sich deshalb immer mehr die Perspektive durch, Adipositas als chronische Erkrankung mit vielen Einflussfaktoren zu verstehen.
Warum ist Adipositas heute viel häufiger als noch vor 30–50 Jahren?
Adipositas hat in den letzten Jahrzehnten weltweit stark zugenommen. Gleichzeitig haben sich unsere Gene (die zu ca. 70% für zu hohes Gewicht verantwortlich sind!) in dieser kurzen Zeit kaum verändert.
Das bedeutet: Der wichtigste Teil der Erklärung muss in veränderten Lebensbedingungen liegen. Viele Forschende sprechen deshalb von einer „adipogenen Umwelt“ – einer Umgebung, die Gewichtszunahme begünstigt.
Mehrere Entwicklungen spielen dabei zusammen.
Unsere Lebensmittelumgebung hat sich stark verändert
- Wir kochen immer weniger selber mit Basis-Lebensmitteln, stattdessen sind hochverarbeitete Lebensmittel heute überall verfügbar.
- Lebensmittel werden gezielt so entwickelt, dass sie besonders attraktiv schmecken – selbst wenn sie als gesund beworben werden.
- Essen ist jederzeit verfügbar und nicht mehr nur zu festen Mahlzeiten.
- Große Portionen sind zur Normalität geworden.
Allein schon diese Veränderungen machen es heute sehr leicht, mehr Energie aufzunehmen, als der Körper tatsächlich benötigt. Aber es geht noch weiter:
Unser Alltag enthält deutlich weniger Bewegung
Auch unser Energieverbrauch im Alltag hat sich verändert.
- Nur noch wenige Menschen arbeiten körperlich.
- Viele Menschen arbeiten überwiegend im Sitzen, auch die Freizeit findet oft vor Bildschirmen statt (wie viel Zeit verbringst du z.B. auf Social Media ;)?).
- Sich zu Fuß oder per Rad zu bewegen, ist nicht mehr selbstverständlich.
All das ist Energie, die unsere Eltern und Großeltern ganz selbstverständlich verbraucht haben. Ganz ohne Sportstudio.
Moderne Lebensbedingungen beeinflussen Essverhalten und Stoffwechsel
Unser immer enger getakteter Alltag liefert zusätzliche Faktoren, die das Gewicht negativ beeinflussen.
- Chronischer Stress und hoher Zeitdruck
- Schlafmangel oder unregelmäßige Schlafrhythmen
- Belastung durch Umweltgifte, weitere Erkrankungen und Medikamente
- Essen als schnelle Belohnung oder Stressausgleich
Diese Faktoren können beeinflussen, wie häufig wir essen und wie unser Körper Energie verarbeitet.
Warum werden dann nicht alle dicker?
Ein wichtiger Punkt ist: Nicht jeder Mensch nimmt unter diesen Bedingungen gleich stark zu. Wir sind eben keine Maschinen, sondern die Natur hat uns mit unterschiedlichen Eigenschaften ausgestattet, damit die Menschen sich an wechselnde Umgebungen anpassen können.
Menschen unterscheiden sich zum Beispiel
- in der genetischen „Grundausstattung“
- darin, wie sie Hunger und Sättigung bemerken
- darin, wie der Stoffwechsel Nährstoffe verarbeitet
- darin, wie sie sich verhalten, wenn sie Lebensmittel sehnen oder riechen
Bei Menschen mit Adipositas funktionieren einige Systeme im Körper – etwa die Regulation von Hunger, Sättigung und Belohnung – anders als bei Menschen ohne Adipositas.
Was im Körper von Menschen mit Adipositas anders reguliert wird
In den letzten Jahrzehnten hat die Forschung viele Mechanismen entdeckt, die die Frage „Warum kann ich nicht abnehmen“ immer besser beantwortet. Menschen mit Adipositas funktionieren rein körperlich anders als Menschen ohne Adipositas.
Hier einige Beispiele (ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die Forschung dazu ist ein riesiges Feld):
Sättigungssignale und Hungerhormone
| Ohne Adipositas | Mit Adipositas |
| Sättigungshormone signalisieren dem Gehirn zuverlässig, dass genug gegessen wurde. | Die Wirkung einiger Sättigungssignale ist abgeschwächt. |
| Nach einer Mahlzeit sinkt das Hungerhormon Ghrelin deutlich. | Ghrelin kann schneller wieder ansteigen. |
| Leptin signalisiert ausreichend Energiereserven. | Häufig besteht eine sogenannte Leptinresistenz: Das Signal kommt im Gehirn weniger stark an. |
Das bedeutet: Wenn du schnell wieder Hunger hast oder große Essensmengen brauchst, um dich satt zu fühlen, bist du nicht undiszipliniert. Deine Hormone funktionieren anders als bei nicht adipösen Menschen. Darum kannst du nicht abnehmen.
Wie sich der Energieverbrauch nach Gewichtsverlust anpasst
| Ohne Adipositas | Mit Adipositas |
| Der Energieverbrauch passt sich moderat an Gewichtsveränderungen an. | Nach Gewichtsverlust kann der Energieverbrauch stärker sinken als erwartet. |
| Der Körper stabilisiert das Gewicht relativ flexibel. | Der Körper versucht häufig aktiv, verlorenes Gewicht wieder aufzubauen. |
Dieses Phänomen wird häufig als metabolische Anpassung beschrieben. Als adipöser Mensch dauerhaft abzunehmen ist wie ständig gegen ein gespanntes Gummiband anzukämpfen, wie du in diesem Youtube-Video von Prof. Dr. Arya Sharma sehen kannst (auf Englisch, aber leicht zu verstehen)
Dein Gehirn reagiert heftig auf Lebensmittelreize
| Ohne Adipositas | Mit Adipositas |
| Lebensmittelreize aktivieren Belohnungszentren moderat. | Hochkalorische Lebensmittel können stärkere Aktivierungen im Belohnungssystem auslösen. |
| Sättigung reduziert meist das Interesse an weiteren Lebensmitteln. | Auch nach dem Essen können Lebensmittelreize weiterhin stark wirken. |
Mit heutigen Untersuchungsmethoden kann man sehen, dass die Gehirne von Menschen mit Adipositas heftiger auf Süßes und Fettiges reagieren, es löst sofort ein gutes Gefühl aus. Nicht weil du das beschließt, sondern weil die Natur das so eingerichtet hat.
Dein Insulin- und Energiehaushalt funktionieren stockend
| Ohne Adipositas | Mit Adipositas |
| Insulin reguliert zuverlässig den Blutzucker und die Energieverwertung. | Häufig besteht eine verminderte Insulinempfindlichkeit (Insulinresistenz). |
| Energie wird flexibel zwischen Speicherung und Verbrauch reguliert. | Der Körper neigt stärker zur Speicherung von Energie im Fettgewebe. |
Diese Veränderungen gehören zu den zentralen Stoffwechselprozessen, die bei Adipositas beobachtet werden. Hier macht es sich besonders negativ bemerkbar, dass unser heutiges Lebensmittelangebot viel zu kohlenhydratreich- und fettlastig ist. Deshalb lagert der Körper immer mehr Fett ein. Auch hier gilt: das ist keine Willensfrage. Das ist Physiologie in einer dick machenden Umgebung.
Alle diese Beispiele zeigen: Bei Adipositas wirken mehrere biologische Mechanismen zusammen, die Hunger, Sättigung und Energieverbrauch so beeinflussen, dass dein Körper immer mehr isst und die überschüssige Energie als Fett einlagert. Faktoren wie z.B. Bewegung, Stress, Schlaf und Medikamente sind bei diesen Beispielen noch nicht einmal berücksichtigt.
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Zusammenfassung: Du kannst nichts dafür – kannst du trotzdem etwas tun?
Wir wissen jetzt, warum Gewichtsregulation für Menschen mit Adipositas deutlich schwieriger sein kann als für andere. Menschen mit Adipositas leben mit einem Steinzeitkörper in einem modernen Schlaraffenland.
Das Dilemma ist, dass du auch dann mit deinem starken Übergewicht umgehen musst, wenn es nicht deine Schuld ist.
Du musst dich zwar heute nicht mehr – wie noch vor einigen Jahrzehnten – damit abfinden, dass dein Gewicht zwangsläufig immer mehr gesundheitliche Probleme verursacht. Im nächsten Artikel stelle ich dir Behandlungsmöglichkeiten vor, die helfen können, mit Adipositas gesund und beschwerdearm zu leben: die so genannte konservative Therapie, magenverkleinernde Operationen und die neue Generation der Adipositas-Medikamente. (Falls du noch keinen Link siehst: trag dich gern in meinen Newsletter ein, dann bekommst du Bescheid, wenn der Therapie-Artikel fertig ist)
Sind also alle bisherigen Empfehlungen zu gesundem Essen und Bewegung nutzlos?
Nein, sie bleiben richtig und wichtig, auch wenn sie für dich schwerer umzusetzen sind als für Menschen ohne Adipositas. Alle Therapie-Methoden funktionieren auf Dauer nur, wenn du selber auf dein Essen achtest. Hier in ganz knapper Form die wichtigsten Dinge:
- Struktur bei den Mahlzeiten: regelmäßig essen ist der beste Schutz vor Heißhunger
- gute Lebensmittel auf den Teller: wie kombinierst du sie am besten (auch hier gibt es große Unterschiede, was für wen passt)
- ganz unsexy: Wasser ist das wichtigste Getränk
- wie du Süßes, Snacks und Co. mit Genuss in den Alltag einbaust, ohne dass es zu viel wird
- Bewegung im Alltag
- Aufmerksamkeit für Schlaf und Stress
Herausfordernd? Ja. Aber du musst dich nicht allein durch den Dschungel der Empfehlungen und das Überangebot von Supermärkten und Internetangeboten kämpfen. Genau dafür ist eine Ernährungsberatung durch Fachkräfte wie Oecotrophologinnen da. Wir haben gelernt, Menschen mit Adipositas dabei zu unterstützen, trotz der schwierigen Bedingungen gut und gesund zu essen.
Wie ist deine Erfahrung?
Ich hoffe, dass du jetzt etwas klarer siehst, was es bedeutet, dass dein Übergewicht nicht deine Schuld ist, sondern eine chronische Erkrankung.
Hilft dir der Gedanke, Adipositas als Krankheit zu sehen – oder fühlt es sich eher ungewohnt an?
Schreib mir gern in den Kommentaren deine Gedanken und Erfahrungen dazu!
Über Antje Müller:
Antje Müller ist Diplom-Oecotrophologin und zertifizierte Ernährungsberaterin (VDOE-Zertifikat seit 2004, E-Zert seit 2025). Seit 2008 begleitet sie als Kooperationspartnerin mehrerer Adipositaszentren Menschen vor und nach bariatrischer Operation, seit 2017 auch bundesweit per Video. Ihr Beratungsansatz verbindet ernährungswissenschaftliche Grundlagen mit einem klaren Fokus auf Alltagstauglichkeit und ein entspanntes Essverhalten. Statt kurzfristiger Diätlogik oder rigider Vorgaben steht die Entwicklung individuell passender Strategien im Vordergrund. Auf diesem Blog schreibt sie über Ernährung und Ess-Alltag vor und nach Magenverkleinerung.

Hallo Antje, den Artikel würde ich gerne „klauen“ und verlinken.
Toll verständlich und auf den Punkt gebracht!!
Kollegiale Grüße, Tina
Hallo Tina, natürlich kannst du den Artikel verlinken, freut mich, dass du ihn hilfreich findest.