So steigst du aus dem Vergleichs-Stress aus 

Es gibt eine Frage in Adipositas-Gruppen, die so sicher kommt wie der Sonnenaufgang am Morgen: „Ich wüsste gern mal, wie viel ihr so abgenommen habt…“ Manchmal noch mit einer Klage darüber, dass die eigenen Abnahme ja katastrophal langsam ist.  Und es gibt eine Standardantwort, die mit der gleichen Zuverlässigkeit kommt: „Hör auf, dich mit anderen zu vergleichen. Das macht dich nur unglücklich.“  Dieses „Vergleichs-Verbot“ kommt nicht nur von anderen Gruppenmitgliedern, sondern gilt auch in Berater-Kreisen als wichtige Botschaft: Lass das! Vergleich dich nicht.

Ich finde dieses „Vergleichs-Verbot“ ziemlich nutzlos und unfair. Es greift ein Verhalten an, das erst einmal normal und menschlich ist – und schwer abzustellen ist. Und so setzt es dem Stress, der beim Vergleichen tatsächlich oft entsteht, noch den „oh Mist, das sollte ich doch nicht tun!“- Stress oben drauf.

Warum ich Vergleichen für sehr normal halte und wie du dieses sehr menschliche Verhalten so nutzen kannst, dass es dir tatsächlich besser geht mit der Orientierung, habe ich im Video zusammengefasst :

 

 

Warum vergleichen normal und wichtig ist  

Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir leben in Gemeinschaften: in unserer Familie, in unserem Freundeskreis, bei der Arbeit, in Gruppen, in denen wir uns engagieren, die dieselben Interessen teilen wie im Sportverein oder in der Selbsthilfegruppe. Und in diesen Gruppen haben wir nicht alle gleiche Rollen und haben neben den Gemeinsamkeiten natürlich auch Unterschiede.

Um zu wissen, wo wir stehen und wie wir in unserem Umfeld zurecht kommen, brauchen wir Vergleiche. Das ist völlig normal und hilft, unser bisheriges Verhalten zu überprüfen – und bei Bedarf andere Entscheidungen zu treffen. Wenn bei einer Adipositas-OP als normal gilt, xx% deines Übergewichts abzubauen, gibt dir das eine Orientierung darüber, welches Gewicht für dich erreichbar sein könnte. Wohlgemerkt: könnte, nicht muss.

 

Der Vergleichsmaßstab nach einer Adipositas-OP

Besonders die Menschen, die dich rund um deine MAgenverkeleinerung medizinisch und sozial betreuen (also die ÄrztInnen, die ErnährungsberaterInnen, die PsychologInnen, die Adipositas-KoordinatorInnen und auch die LeiterInnen deiner Selbsthilfegruppe) – sie alle bewegen sich in einen Rahmen, der auf Vergleichen beruht. Es gibt Durchschnittszahlen für den Verlauf vor und nach der OP, Durchschnittszeiten, in denen der Heilungsprozess abläuft und auch Ziel-Gewichte oder BMI-Werte, die Adipöse nach der Magenverkleinerungen erreichen sollten.  Und dann sollst du dich nicht vergleichen? Kaum zu schaffen. Schließlich bist du in einer Situation, in der du nach Orientierung suchst. Wo liegt also das Problem? 

 

Die wahren  Probleme beim Vergleichen

Die Sorge, dass vergleichen unglücklich macht, ist trotzdem berechtigt. Nämlich dann, wenn du beim  Abgleichen deiner „Erfolge“  z.B. wie viel du abgenommen hast seit der OP – einen der beiden häufigen Fehler machst – oder nennen wir es lieber Missverständnisse – , schnappt die Unglücks-Falle tatsächlich zu.  

 

Fehler 1: Äpfel mit Birnen vergleichen

Wir fragen oft nicht genau genug. Wenn die Frage vom Anfang: „Wie viel habt ihr denn seit der OP abgenommen?“ in den sozialen Medien gestellt wird, kannst du so nichts, aber auch gar nichts, mit den Antworten anfangen. Es antworten dir dann nämlich der fast 2 Meter große Mann, der mit 180 kg gestartet ist und mit Hilfe eines Schlauchmagens, viel Sport und konsequenter eiweißreicher und zuckerarmer Ernährung 99 Kilo in einem Jahr abgenommen hat – und die 1,50m große Frau, die viele Begleiterkrankungen hat, sich kaum bewegen kann und durch den Omega-Loop-Bypass von 99 Kilo in den letzten 3 Wochen auf 95 Kilo abgenommen hat.

Völlig unterschiedliche Voraussetzungen also. Aber das weißt du nicht – wenn du nicht ausdrücklich danach fragst. Und so geben dir die Erfahrungen dieser Extrembeispiele nicht wirklich die Orientierung, die du gern hättest. Im besten Fall bist du hinterher verwirrt  – hm, ist nun 4 Kilo „gut“ oder 99? Im ungünstigsten Fall bist du frustriert, weil du (noch) keine 99 Kilo abgenommen hast. 

 

Fehler 2: die Zahlen mit Bewertungen verknüpfen

Ein Mechanismus, den viele Menschen automatisiert haben, gerade wenn sie die Erfahrung von ganz vielen vergeblichen Abnehm-Versuchen gemacht haben, ist die Verknüpfung von Vergleichen mit Bewertungen. Wenn du weniger abnimmst als der Durchschnitt oder die „Schnell-Abnehmer“, folgt automatisch der Gedanke: „Sch…, ich habe es schon wieder nicht geschafft. Ich habe versagt.“  Also die Schlussfolgerung: Wenn ER (etwa der Beispielmann von eben – oder vielleicht auch dein OP-Zwilling, die ganz ähnliche Ausgangswerte hatte wie du) es geschafft hat, so viel abzunehmen und ich nicht, bin ich ein Looser. Ganz häufig kombinieren sich die beiden Fehler und wirken zusammen noch niederschmetternder.  

Wie kannst du dich vergleichen und die Erfahrungen der anderen so nutzen, dass du das erreichst, was du eigentlich willst, nämlich dich motivieren und handlungsfähig machen?

Die Kunst des hilfreichen Vergleichens kannst du mit 4 Grund-Gedanken bzw. Fragen sehr gut üben. Hier sind sie:

 

Hilfreicher Gedanke 1: Ich gebe mein Bestes!

Das ist eine ganz andere Grundhaltung als der Gedanke: „ich kriege das nicht hin.“ Im meinen bald 20 Beratungsjahren habe ich fast niemanden erlebt, der oder die nicht das Beste getan hat, was er/sie konnte. Wenn also das Gewicht steht oder nicht im gewünschten Tempo runtergeht, kannst du natürlich immer wieder schauen, wo du noch etwas verbessern kannst. Und das gern, ohne dich vorher dafür zu be- oder verurteilen ( siehe oben).

Beim Thema Gewichtsstillstand habe ich in diesem Artikel mal mögliche Gründe gesammelt, wenn es mit dem Abnehmen nicht so klappt, wie du dir das wünschst. Dort ist auch eine Checkliste verlinkt, mit der du mal genauer schauen kannst, wo die Ursache liegen könnte.  Möglicherweise stellst du dann fest, dass du bei der Regelmäßigkeit, bei der Eiweißmenge, bei der Portionsgröße undundund noch Verbesserungsmöglichkeiten hast.

Aber das heißt nicht, dass du dich mit (böser) Absicht ungesund verhältst. Du tust das, was dir im Moment möglich ist! Mit dem Vergleich oder eben mit Hilfe der Checkliste siehst du, wo du nach neuen Möglichkeiten schauen kannst.

 

Hilfreicher Gedanke 2: Wobei genau bin ich unsicher?

Je genauer du weißt, was du wissen möchtest, desto genauer kannst du fragen. Beim Beispiel „wie viel habt ihr abgenommen?“ kannst du dich vorher fragen: Was möchte ich wirklich wissen? Bzw. „wobei sollen mir die Zahlen helfen, die ich dann höre oder lese?“. Mögliche Unsicherheiten, die meine Klient/innen oft nennen sind:

  • Ich habe noch kein Gespür für Sättigung und Sorge, dass ich immer noch zu viel esse.
  • Ich schaffe es nicht, die vorgeschlagenen Eiweißmengen zu essen und habe Angst, Wasser einzulagern.
  • Ich habe noch nie dauerhaft mehr als 20 kg abgenommen und kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist.
  • Wie genau sollte ich die Ernährungsvorschläge nehmen, damit das Gewicht sich nach unten bewegt – und wo kann ich Ausnahmen machen?
  • ….

Welchen Gedanken oder welche „Frage dahinter“ findest du für dich? Je genauer du fragst, desto mehr kannst du den Vergleich für dich nutzen.

 

hilfreicher Gedanke 3: passt das zu MEINER Situation?

Bei allen Vergleichen hilft die Frage: ist meine persönliche Situation vergleichbar mit der Antwortgeberin? Wenn ich allleinstehend und voll im Berufsleben bin und du die Verantwortung für 2-3 kleine Kinder hast, haben wir zwar beide wahrscheinlich nicht viel Zeit für uns, aber möglicherweise passen dann meine Tipps wie: “ Hol dir in der Mittagspause doch einen Frischkäse und ein paar Snackmöhren aus dem Supermarkt.“ nicht wirklich für dich. Damit du mit den Tipps von anderen Betroffenen wirklich etwas anfangen kannst, ist es oft sinnvoll, genau z überlegen, wie du es auf deinen ganz anders gelagerten Alltag übertragen kannst, Daran knüpft sich gleich der nächste Gedanke an:

 

hilfreicher Gedanke 4: Ich mache aus dem Vergleich einen Handlungsplan

Letztendlich geht es bei allen Vergleichen ja darum, dass du etwas Gutes für dich TUN willst. Wenn du bei deiner Vergleichs-Frage also eine Kilozahl möchtest, an der du dich orientieren kannst, ist die nächste Frage (und da kommen alle anderen Punkte wieder zum Tragen): wie nutze ich die Zahl als Ansporn, konkret etwas zu verändern? Wenn ich mit dem, was ich bisher nach bestem Wissen und Gewissen gemacht habe, nicht zufrieden bin: welche kleinen, machbaren Schritte kann ich gleich heute gehen? Auch dabei ist die Checkliste Gewichtsstillstand sehr hilfreich.   

 

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Bonus-Gedanke: du darfst dir Hilfe holen!

Gerade die Behandlung von Adipositas steckt in Deutschland immer noch in den Kinderschuhen. Du musst(est) wahrscheinlich einen Antrag stellen, um die Kostenzusage für die Magenverkleinerung zu bekommen. Viele Ärzte sehen Übergewicht immer noch als Privatproblem an, und die Millionen von Diätvorschlägen vermitteln dir jeden Tag das Gefühl: das musst du allein hinbekommen.

Nein, musst du nicht. Es gibt mittlerweile in so vielen Orten und im Internet Selbsthilfegruppen, die dich unterstützen können. Die beiden bundesweiten Adipostias-Selbsthilfeverbände haben auf ihren Webseiten Listen mit Gruppen in deiner Nähe. Hier findest du sie: Adipositashilfe Deutschland e.V. und die Liste der Adipositas-Verband.

Was kannst du tun, wenn du keine Gruppe vor Ort findest oder nicht mobil bist? Auch im Internet gibt es mittlerweile einige gute Hilfsanagebote für Adipositas-Betroffene.

Weil ich die Austauschmöglichkeiten besonders auf Facebook so toll und wirklich hilfreich finde, habe ich ergänzend zu den großen Betroffenengruppen in eine Gruppe für alle gegründet, die sich „Entscheidungshilfe, Ernährungsinfos und Dranbleib-Unterstützung“ rund um die Adipositas-OP wünschen. Ich bin immer wieder soo erfreut, wie sich die Grundhaltung, die ich in diesem Artikel beschrieben habe, dort in den Diskussionen mit Leben füllt. Wenn du auf den Link klickst, bist du herzlich eingeladen!  (Hierfür musst du bei Facebook angemeldet sein.)

Ich hoffe, du findest einen guten Weg, dich auf wirklich hilfreiche Weise zu Vergleichen und so weitere Schritte machst auf dem Weg zu einem gesunden Gewicht und zu Essen mit einem guten Gefühl! Wenn du für dich herausgefunden hast, wie du Vergleiche zum motivieren und zum Handeln nutzen kannst, freue ich mich auf deine Erfahrung in den Kommentaren.